Bitte hinterfragen!

Eine Rede von Charlotte Menne (11d)

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“

Das sind Immanuel Kants Worte, als er im November 1784 über die Aufklärung spricht. Dies bedeutet also, dass die Menschen anfangen müssen, selbstständig zu denken, ohne sich dabei von anderen beeinflussen zu lassen. In der Epoche der Aufklärung entwickelten sich Bürger Europas zu Menschen, die genau das taten und alles hinterfragten. Religion, die gesellschaftliche Ordnung, Politik, Toleranz und vieles mehr. Diese Epoche trug stark zu der Welt, in der wir heute leben, bei – in einem positiven Sinne.

Dies müsste euch alles aus dem Unterricht bekannt vorkommen. 
Doch warum quäle ich euch nun mit dieser längst vergangenen Epoche?
Ganz einfach, weil ihr, ihr Schüler und Lehrer des ELGs in Halle, ihr Bürger und Bürgerinnen von Deutschland, ihr Teile dieser Welt auch im Jahr 2017 alle noch nicht vollständig aufgeklärt seid.

Und das ist ein Problem. Es ist deshalb ein Problem, weil man sich nur in einer aufgeklärten Gesellschaft, in der es konstruktive Kritik und Meinungsverschiedenheiten gibt, weiterentwickeln kann. Und wir müssen uns weiterentwickeln. Denn diese Welt ist nicht perfekt, nicht einmal gut. Das merkt man schon daran, dass es einen Erdogan gibt, der Angela Merkel, der Bundeskanzlerin von Deutschland, Nazimethoden vorwirft und davon spricht, dass Gaskammern und Sammellager in Europa wieder zum Thema werden. Man merkt es auch daran, dass jemand, in dem Glauben das Richtige zu tun, mit einem Auto in eine Menschenmenge fährt und dabei 5 Menschen tötet und 40 Menschen verletzt.

Aber warum behaupte ich eigentlich, dass ihr alle nicht vollständig aufgeklärt seid?
Bitte geht einmal tief in euch hinein und überlegt, woher eure politischen und ethischen Überzeugungen, eure moralischen Vorstellungen und eure alltäglichen Meinungen habt…
Ihr habt sie von Freunden, mit denen ihr gemeinsame Erfahrungen sammelt, von Eltern, die euch in ihrem Sinne erzogen haben, von Lehrern, die euch tagtäglich in der Schule unterrichten, von Politikern, die die Gesetzte in eurem Land machen oder vielleicht sogar von Geschwistern, zu denen ihr aufschaut und von denen ihr euch Dinge abschaut. Und nur ein Paar von euren Vorstellungen, Überzeugungen und Meinungen habt ihr euch ganz allein ohne Fremdeinwirkung gebildet.
Ich persönlich bin froh darüber, dass ich die Älteste meiner Geschwister bin und mir somit vieles selbstständig beibringen musste und konnte.

Es gibt Menschen, die felsenfest behaupten, dass die Aufklärung eine längst vergangene Epoche ist. Aber jeden Tag diskutieren wir in den Pausen über Themen, die uns bewegen und interessieren. Und oft nehmen wir neue Ideen und Vorstellungen mit nach Hause. Dort verknüpfen wir diese dann mit anderen Ideen und anderen Vorstellungen aus anderen Diskussionen mit anderen Freunden. Und so schaffen wir uns manchmal eigene und individuelle Vorstellungen und Ideen. Deswegen ist die Aufklärung ein brandaktuelles Thema, denn wir alle klären uns jeden Tag ein kleines Stückchen auf. Aber leider eben nur ein kleines Stückchen. Der Prozess der Aufklärung ist ein sehr langsamer und langwieriger Prozess. Man kann sogar sagen, dass es ein lebenslanger Prozess ist, da man sich immer weiterentwickelt, auch wenn es manchmal nur ein bisschen ist.

Dieser Prozess muss vorangetrieben werden. Denn zur Zeit scheint sich die Menschheit eher zurückzuentwickeln. Es gibt viele Menschen, die sich nicht aufklären. Menschen, die glauben, dass ein Donald Trump Amerika wieder „great“ machen kann. Menschen die nicht widersprechen, wenn ein Bekannter der Familie bei einer Grillparty sagt, dass Ausländer und Juden raus müssen. Menschen die es nicht hinterfragen, wenn die AfD davon spricht, in Deutschen Schulen wieder „preußische Erziehungsmethoden“ einzuführen.

Hinterfragen: Das ist mein Aufruf an euch. Hinterfragt alles. Hinterfragt, was Politiker sagen, was Bekannte sagen, was Freunde sagen und sogar was die Eltern sagen. Hinterfragt nicht nur die Lehrer, wenn es darum geht Hausaufgaben einzusammeln oder dass eine Klassenarbeit mindestens 7 Tage vorher angesagt werden muss. Ich will mich keinesfalls mit Kant gleich setzten, aber habt Mut. Habt den Mut, euch eures eigenen Verstandes zu bedienen. Denn jeder muss sich jeden Tag wenigstens ein kleines Stückchen aufklären und den Prozess der Aufklärung vorantreiben und beschleunigen.

Jedoch gibt es ein Problem, welches nicht ignoriert werden kann und welches Kant schon vor 234 Jahren bemerkt hat.
Aufklärung bedeutet, sich ohne Anleitung eines anderen seines eigenen Verstandes zu bedienen. Ich habe euch, meine lieben Mitschüler, Mitschülerinnen, Lehrer und Leherinnen gerade eben dazu aufgefordert, den Prozess der Aufklärung in der heutigen Zeit vorran zu treiben.

Ich habe euch augefordert.

Dies ist ein Paradoxon, welches meine gesamte Rede unsinnig macht.

 

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