Nach dem Abi „Weltwärts“ gehen- mit Interview

Nach  dem Abi wollen viele von uns erstmal raus  – aus Halle, Deutschland oder Europa, aus dem gewohnten Trott. Statt gleich an die Uni zu gehen, wollen wir erstmal neue Erfahrungen sammeln, die Schule hinter uns lassen und uns selbst finden. Einige entscheiden sich dabei für ein Auslandsjahr in einer der vielen Formen, andere für ein FSJ. Eine Möglichkeit beides zu kombinieren ist das Weltwärts-Programm.

Weltwärts
Der „entwicklungspolitische Freiwilligendienst“ bietet die Möglichkeit, sich für ca. 1 Jahr in einem sogenannten Entwicklungs- und Schwellenland zu engagieren. Dabei unterstützt man als Freiwillige(r) ein bestimmtes Projekt aus einem der Bereiche Bildung, Kinder- und Jugendarbeit, Gesundheit, Landwirtschaft und Umwelt, Handwerk, Technik, Verwaltung, Kultur, Arbeit mit benachteiligten Menschen, Menschenrechte und Frieden oder Not- und Übergangshilfe. Hierbei sind zahlreiche Länder in Asien, Afrika, Lateinamerika, Ozeanien und Osteuropa möglich, solange sie als sicher eingestuft werden. Die Haupteinsatzländer für deutsche Freiwillige waren 2017 Indien (391 Freiwillige) und Südafrika (346 Freiwillige).

Um am Programm teilzunehmen, sucht man sich auf der Webseite von „Weltwärts“ passende Projekte aus, am besten ein Jahr vor dem geplanten Abflug. Jedes Projekt wird von einer der 160 Entsendeorganisation in Deutschland vermittelt, die in guter Verbindung zu der Einsatzorganisation im Ausland stehen. Bei den Entsendeorganisationen bewirbt man sich dann und wird bei einer Annahme von ihnen auf das Freiwilligenjahr im Ausland vorbereitet.

Das Programm „Weltwärts“ ist ein Gemeinschaftswerk des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und zivilgesellschaftlicher Organisationen. Daher wird der Auslandsaufenthalt meist zu 75% vom Bund finanziert. Die restlichen 25% der Kosten bringt die Entsendeorganisation auf. Es ist jedoch laut der Weltwärts-Webseite eine „gute Tradition“, dass der/ die Freiwillige seine Entsendorganisation freiwillig durch das Sammeln von Spenden bzw. die Mitwirkung am Aufbau von Förderkreisen unterstützt.

Seit Beginn des Programms in 2008 haben rund 34.000 Freiwillige an „Weltwärts“ teilgenommen.
Anne-Kirstin Berger, eine ehemaligen Schülerin des ELGs, war eine davon.
Nachdem sie 2012 ihr Abitur an unserer Schule gemacht hatte, ging sie für ein Jahr nach Peru in Südamerika.  Danach studierte sie International Relations and Management in Regensburg. Heute macht sie ihren Master in Journalism, Media and Globalisation in Aarhus (Dänemark) und hat sich die Zeit genommen unsere Fragen zu beantworten:

Wie bist du auf die Idee gekommen ein Freiwilligenjahr in Peru zu machen?

Nach der Schule wollte ich weg – irgendwohin, wo man Spanisch spricht, denn das habe ich ab der achten Klasse gelernt, und gerne so weit weg wie möglich. Dabei habe ich gar nicht nach speziellen Ländern gesucht, sondern nach Projekten, die ich spannend fand. Beworben habe ich mich am Ende für ein Theaterprojekt in Nicaragua – und stattdessen die Stelle in einem Kommunikationszentrum in Lima, Perus Hauptstadt, bekommen. 

©Anne-Kirstin Berger; In Peru gibt es zwar einige der höchsten Berge Südamerikas, aber Lima liegt an der Küste. Im Sommer, von Dezember bis März, kann man im Pazifik baden. Den Rest des Jahres ist Lima ziemlich grau – es regnet zwar so gut wie nie, aber es ist fast immer neblig.

Wie hast du im Voraus dein Jahr geplant und vorbereitet?

Da hat mich meine Entsendeorganisation an die Hand genommen: Ich hatte mehrere Vorbereitungsseminare, bei denen ich andere Freiwillige und Ehemalige kennengelernt habe. Wir haben viel über Peru gelernt, die politische Lage, kulturelle Besonderheiten aber auch ganz Praktisches, wie zum Beispiel, wie man ein sicheres Taxi von einem illegalen unterscheidet. Auch um Visum, Flug und Krankenversicherung hat sich meine Organisation gekümmert. Was ich machen musste: Impfungen vervollständigen, Spender finden, die einen Teil der Kosten beitragen, eine Kreditkarte beantragen, eine notarielle Vollmacht für meine Mutter ausstellen lassen, damit sie wichtige Dokumente für mich unterschreiben konnte, während ich weg war.

Wie haben deine Freunde und Familie reagiert, als du von deinem Wunsch, nach Peru zu gehen, erzählt hast?

Ich glaube, meine Familie hat es gar nicht so sehr überrascht – ich war immer schon gerne unterwegs. Auch während der Schulzeit habe ich an Workshops überall in Deutschland teilgenommen. Peru war aber natürlich trotzdem eine Herausforderung! Aber als ich die Entscheidung, die Stelle in Lima anzunehmen, getroffen hatte, habe ich darüber gar nicht mehr viel nachgegrübelt. Am Abflugtag kam es mir vor, als wären meine Schwester und meine Mutter nervöser als ich. Mein Bauchkribbeln kam dann beim Landeanflug auf Lima. Da dachte ich mir: Krass, das ist jetzt real, hier lebst du für ein Jahr.

Was hast du vor deinem Auslandsjahr mit Peru verbunden und was danach?

Im Spanischunterricht hatten wir mal über das Inkareich und die spanische Kolonialisierung gesprochen, aber eine konkrete Vorstellung von Peru hatte ich nicht. Das erste, was ich gemacht habe, als ich wusste, in welchem Stadtteil Limas ich arbeiten würde (Villa el Salvador) – ich habe es gegoogelt. Da war mir klar, dass mein Lebensumfeld während dieses Jahres ganz anders sein würde. Ich habe mich darauf eingestellt, mich einschränken zu müssen, unter einfachen Bedingungen, vielleicht ohne warmes Wasser oder ohne Internet, zu leben. Das war dann auch zum Teil so. Aber wenn ich heute an Peru denke, weiß ich, wie facettenreich es ist. Es vergeht kaum ein Tag, an dem mich nicht irgendetwas an die Zeit dort erinnert. Ein Foto von Limas Obstmarkt hängt zum Beispiel über meinem Schreibtisch.

Was hat dich besonders überrascht/ vielleicht enttäuscht?

Ganz ehrlich, die größte Überraschung für mich war, wie sich mein Bild von Villa el Salvador, wo ich gelebt habe, während des Jahres verändert hat. Mein erster Eindruck war: grau, staubig, trist. Aber dann habe ich wunderbare Menschen getroffen und viel über die außergewöhnliche Geschichte der Stadt gelernt – sie ist nämlich erst etwas mehr als 40 Jahre alt, und viele Bewohner haben sie mit aufgebaut. Nach einem Jahr habe ich mich dort Zuhause gefühlt und wollte gar nicht mehr gehen.

Wie sah dein Alltag aus?- Wie hast du gelebt?

Ich habe zusammen mit einem anderen Freiwilligen, der auch aus Deutschland kam, in einer Gastfamilie gewohnt. Als wir unseren Gastvater kennengelernt haben, waren seine ersten Worte: Willkommen, ihr seid jetzt Teil unserer Familie. Ich hatte also auf einmal drei Geschwister: Mariafernanda und Sebastián, drei Jahre und drei Monate alt, die Kinder meiner Gasteltern, und Christian, mit dem ich zusammen im Radio gearbeitet habe. 

Was die Arbeit anging: Ich habe gleichzeitig in einer Berufsschule und einem Radiosender gearbeitet. Das Radio erwähne ich viel öfter, weil es mein liebster Teil der Arbeit war, aber auch die Schule war spannend. Dort habe ich Englischunterricht gegeben und ein Buch mit Grammatik, Aufgaben und Vokabeln erstellt – so etwas gab es an der Schule nämlich nicht. Übrigens: Am Anfang hatte ich schon Bedenken, was ich anderen in Englisch beibringen könnte – schließlich war ich ja selber gerade erst mit der Schule fertig. Aber das Sprachniveau war recht niedrig. Dieses Buch zu erstellen, war sozusagen die Nische, die ich für mich entdeckt habe. Nachmittags und abends fand der Unterricht statt. Und vormittags habe ich für das Radio recherchiert, Veranstaltungen und Projekte besucht und Interviews geführt. Einmal pro Monat haben wir zu zweit eine Radiosendung live gemacht, über interkulturelle Themen, Deutschland und Peru. Zum Beispiel über das Leben von Menschen mit Behinderung in beiden Ländern und über Limas Wassermangel. Dank dieser Arbeit habe ich meine Liebe zum Radio entdeckt – heute arbeite ich neben dem Studium als Journalistin.

©Anne-Kirstin Berger; Im Radio Stereo Villa habe ich zusammen mit Christian (Mitte), der auch ein Freiwilliger war, einmal pro Monat eine Livesendung gemacht.
 

Was war dein schönstes Erlebnis in Peru?

Das ist eine schwere Frage, denn davon gab es so viele. Mein Geburtstag war ein ganz besonderer Moment. Da haben mich nachmittags bei der Arbeit die Kollegen mit einer Sahnetorte überrascht, in die ich mein Gesicht eintauchen musste – eine peruanische Tradition! Und als ich abends nach Hause kam und die Haustür aufmachte, standen da all meine Freunde – sie hatten eine Feier organisiert und ich hatte keine Ahnung!

©Anne-Kirstin Berger

Hattest du Heimweh?

Ein paarmal schon – als Zuhause erst unsere Katze und unser Hund gestorben sind, da habe ich mich so weit weg gefühlt. Einmal bin ich abends überfallen worden, das war natürlich ein Tiefpunkt. Aber ich habe gute Freunde vor Ort gefunden, die mir in solchen Situationen geholfen haben.

Wie hast du neue Freunde kennengelernt?

Meine engsten Freunde waren andere Freiwillige aus Deutschland. Das klingt wahrscheinlich super langweilig, aber es tat einfach gut, sich ab und an auf Deutsch über bestimmte Dinge auszutauschen. Ein peruanischer Lehrer, der an der Schule meiner Gasteltern arbeitete, ist einer meiner besten Freunde dort geworden. Und einmal haben wir, meine deutschen Freunde und ich, beim Zelten einen peruanischen Studenten getroffen. Er wollte ohne Schlafsack auf 3.000 Metern in den Anden übernachten. Das ist unmöglich! Wir haben dann unser Zelt mit ihm geteilt – und danach waren wir gute Freunde und sind sogar noch einmal zusammen verreist. 

©Anne-Kirstin Berger; Mit Gustavo, einem peruanischen Freund, bin ich in den Nationalpark Paracas gefahren. In Peru gibt es praktisch alle Klimazonen: Wüste, Andenhochland und Amazonas. Paracas liegt in der Küstenwüste, genau wie Lima.

Denkst du, du hast dich in dem Jahr verändert?

Auf jeden Fall! Ich bin mir seitdem viel bewusster, welches Privileg es ist, einen deutschen Pass zu besitzen und zum Beispiel eine kostenlose und gute Ausbildung zu bekommen. Ich habe mich auch seit meiner Zeit in Peru genauer mit Entwicklungszusammenarbeit auseinandergesetzt, deren positiven und negativen Effekten. Davon abgesehen habe ich meine Liebe zu südamerikanischen Kulturen entdeckt – ich habe nach Peru auch in Bolivien und Brasilien gelebt und bin einfach fasziniert von der Region.

Welche Vorteile hat ein Weltwärts-Auslandsjahr gegenüber z.B. Work and Travel oder anderen Möglichkeiten ins Ausland zu gehen?

Was ich faszinierend am Weltwärts-Programm finde, ist die Möglichkeit, über einen längeren Zeitraum in einem Projekt mitzuarbeiten und mit den individuellen Stärken etwas beizutragen – das kann Arbeit mit Kindern oder alten Menschen sein, aber auch Umweltengagement oder Kommunikation, wie in meinem Fall. Aber dafür muss man natürlich nicht ans andere Wende der Welt ziehen. Ich habe mich damals auch für den Europäischen Freiwilligendienst beworben, der funktioniert ganz ähnlich wie Weltwärts.

Was würdest du im Nachhinein anders machen?

Ich wollte in Peru immer einer Theatergruppe beitreten, habe es dann aber nie gemacht. Das wurmt mich, denn es wäre bestimmt eine gute Erfahrung gewesen, auch um Freundschaften mit Peruanern und Peruanerinnen zu schließen.

Bist du seit deinem Auslandsjahr nochmal nach Peru gereist?

Ich war zwei Jahre nach meinem Weltwärts-Jahr, 2015, noch einmal für zwei Wochen dort. Damals habe ich während meines Studiums ein Auslandsjahr gemacht. Übrigens auch eine Folge meiner Zeit in Peru: Ich wollte etwas Internationales studieren. So bin ich bei International Relations and Management gelandet und habe ein Auslandssemester in Brasilien und ein Praktikum in Bolivien gemacht. Dazwischen habe ich Lima besucht, und es war ein wunderbares Gefühl, zurück zu sein. Manches war noch wie damals – die Verkäuferinnen auf dem Markt zum Beispiel waren noch dieselben. Aber an meinen Gastgeschwistern habe ich gespürt, wie viel Zeit vergangen ist: Das drei Monate alte Baby von damals war ein kleiner Junge geworden, und Mariafernanda konnte lesen und schreiben. Ich habe immer noch einen engen Kontakt mit der Familie und hoffe, dass ich sie bald mal wieder besuchen kann.

Danke, liebe Anne, für die ausführliche Beantwortung der Fragen!

Wer noch nicht genug hat, findet auf Annes damaligen Blog noch viele interessante Berichte aus Peru.
Weitere Infos zu „Weltwärts“ mit dem Suchformular für Einsatzstellen findet ihr hier

Carla Moritz (11e)

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

%d Bloggern gefällt das: