Noch gar nicht so lange her

Als wir die Gänge mit den unzähligen kalten, kleinen Zellen entlang gehen, schaudere ich und bewundere die Frau, die mit uns dorthin zurückkehrt, wo sie drei schreckliche Monate verbringen musste.

An diesem Ostermorgen schneit und regnet es in Berlin bei eisiger Kälte. Wir besuchen die Gedenkstätte Hohenschönhausen, eine ehemalige „Untersuchungshaftanstalt“ des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR*.  Das Wetter passt zu den Bildern, die mir durch den Kopf gehen, während Sigi Grünewald, eine Zeitzeugin, uns von ihren Erfahrungen berichtet.

Wir, das sind ich und andere Teilnehmer der „59. Young leaders Akademie“, die unter dem Motto „damit es nicht wieder passiert“ in mehreren Gruppen die Gedenkstätte besuchen.

Die „Young leaders Akademie“ ist ein Angebot für Jugendliche, das mehrmals im Jahr im Auftrag des Bundesministeriums für Verteidigung organisiert wird. Neben dem Kennenlernen von tollen jungen Menschen aus ganz Deutschland, bestehen die 5 Tage aus verschiedenen Vorträgen zu kontroversen Themen, Workshops mit Profijournalisten und Trainings. Am letzten Tag wird das Programm durch die Führung von Zeitzeugen durch die Gedenkstätte Hohenschönhausen beendet.

Nachdem Sigi Grünewald uns die wichtigsten Orte der Anlage gezeigt hat, erzählt sie uns von ihrer Zeit in der „Untersuchungshaftanstalt“ und wie sie dort hinkam.
Die Westberlinerin hatte sich während eines Aufenthalts in Ostberlin* in einen DDR-Bürger verliebt. Da eine Beziehung auf zwei unterschiedlichen Seiten der Berliner Mauer* sehr schwer war, organisierten sie und ihr mittlerweile Verlobter seine Flucht aus der DDR. Doch die Flucht scheiterte noch bevor er die Grenze erreichte. Als Sigi Grünewald ihren Verlobten das nächste Mal in Berlin besuchte, wurden sie festgenommen und in die Untersuchungshaftanstalt Hohenschönhausen gebracht (1981).

Dort hatte man viele Mittel, um die Gefangenen zu einem Geständnis zu zwingen. Zwar waren zu ihrer Zeit in Hohenschönhausen keine Foltermethoden mehr erlaubt, doch man hielt sich nicht immer daran. Auch nächtelanger Schlafentzug, Hunger, Isolationshaft, Dunkelzellen und die ständige Beobachtung, selbst beim Toilettengang, „taten ihren Zweck“.  Es erstaunt mich, mit welcher Sorgfalt die Staatssicherheit der DDR außerdem dafür gesorgt hat, dass die Häftlinge nicht wussten, wo sie waren. Sie wurden stets in Transportern ohne Fenster gefahren und obwohl das Haftkrankenhaus nur 2 Minuten vom Gefängnis entfernt war, fuhr man kranke Gefangene eine Stunde durch Berlin, um sie zu desorientieren.

Nach den drei Monaten in Hohenschönhausen musste Sigi Grünewald zwei Wochen Isolationshaft in Bautzen II.* ertragen, also zwei Wochen ohne einen einzigen Menschen zu sehen. Dann wurde sie wegen „staatsfeindlichen Menschenhandels“ zu fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt. Allerdings hatte sie das Glück, durch den Häftlingsfreikauf der Bundesrepublik* nach 10 Monaten in Bautzen II befreit zu werden, und durfte nach Hause zurückkehren. Später heiratete sie ihren Verlobten, doch Sigi Grünewald erzählt, sie hätten sich mit der Zeit auseinander gelebt. Heute sind sie geschieden.

Die Zeitzeugin gibt zu, dass es ihr am Anfang sehr schwer fiel nach Hohenschönhausen zurückzukehren, um ihre grauenhaften Erlebnisse aufzuarbeiten. Noch heute hasst sie das Geräusch der Türriegel, welche von den Wächtern immer wieder auf und zu gestoßen wurden, um die Häftlinge am Schlafen zu hindern. Sie erklärt uns, dass sie die Präsenz der negativen Erinnerungen in Kauf nimmt, da es ihr wichtig ist, ein Bewusstsein für die schrecklichen Geschehnisse in der DDR zu schaffen und so dazu beizutragen, dass so etwas nie wieder passiert.

Uns haben die Eindrücke des Vormittags sehr überwältigt und zum Nachdenken gebracht. Denn solche schlimmen und menschenverachtenden Einrichtungen gibt es immer noch an vielen Orten der Welt.

In ihrem Buch „Komm`se – Gehn`se“ berichtet Sigi Grünewald von ihren Erfahrungen.

*Anmerkungen zum Verständnis, für die von euch, die die deutsch-deutsche Geschichte noch nicht behandelt haben:
Ministerium für Staatsicherheit („Stasi“): Geheimdienst und Geheimpolizei der DDR, der vor allem DDR-Bürger überwachte, die nicht im Interesse des Staats handelten z.B. ihn kritisierten oder fliehen wollten

Ost- und Westberlin: Unsere Hauptstadt wurde (wie ganz Deutschland) nach der Niederlage Deutschlands im Zweiten Weltkrieg zwischen den Siegermächten aufgeteilt. Westberlin war das Gebiet Frankreichs, Englands und der USA und gehörte später zur Bundesrepublik. Ostberlin gehörte zum besetzten Gebiet der Sowjetunion und später zu der DDR.

Berliner Mauer: Viele Menschen wollten aus dem besetzten Gebiet der Sowjetunion / der DDR auswandern, da die Lebensbedingungen nicht so gut waren. Deshalb sah sich die DDR 1961 gezwungen die Auswanderung zu stoppen, indem sie eine Mauer zu Westberlin und Westdeutschland einrichteten und die Grenzen streng bewachten. DDR-Bürger durften nur noch in seltenen Fällen ausreisen, nicht mal für Urlaub.

Bautzen II: So lautete der Name eines Hochsicherheitsgefängnisses des Ministeriums für Staatssicherheit.

Häftlingsfreikauf der Bundesrepublik: Die Bundesrepublik kaufte politische Gefangene der DDR durch ein Lösegeld frei. Die DDR akzeptierte dies, da sie in großer Geldnot war und die D-Mark der Bundesrepublik zum Handel gut gebrauchen konnte.

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

%d Bloggern gefällt das: